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Weinseelig Juni 2007

Der Wein vom Bodensee – und viel mehr

Der Wein vom Bodensee – und viel mehr

(D-Friedrichshafen) Lokale Geschichte ist immer wieder spannend und voller Entdeckungen: Wenn man die Lupe auf ein Thema hält, das zunächst ausgesprochen speziell erscheint, öffnen sich immer mehr Türen zu immer mehr Themen – vorausgesetzt, es handelt sic

So ist das auch der Fall bei dem im Jahr 2005 erschienenen „Seewein. Die Geschichte des Weinbaus in und um Friedrichshafen“ von Ernst Haller. Der Autor zeichnet mit großer Sorgfalt nicht nur eine Geschichte des Weinbaus der Region, sondern gibt auch Einblicke, wie wir uns das tägliche Leben der Menschen am See der vergangenen Jahrhunderte vorstellen können. So erfährt man viel über das Küferhandwerk, also die Kunst, ein Fass herzustellen. Auch frühe Dokumente sind aufgeführt, die Einblicke in den Verlauf der Weinjahre am Bodensee geben, wie: „1473 war ein heißer Sommer und verbrann den Schwarzwald; im Februar blühten schon die Bäume“, um nur zwei Themen herauszugreifen. Das reichlich illustrierte Buch wartet mit seltenen Abbildungen von Gemälden auf und veranschaulicht dadurch eindringlich, dass Bodensee und Weinanbau zusammengehören. Einziger Nachteil: Die manchmal zu textlastigen Seiten behindern den Lesefluss, da hätten Verlag und Autor ruhig auf ein paar „historischen Pläne der ersten Landvermessung“ verzichten können, um mehr Seiten für eine lockere Textaufteilung bereit zu stellen. Trotzdem: Geschichtlich Interessierte kommen voll und ganz auf ihre Kosten.

Ernst Haller: Seewein. Die Geschichte des Weinbaus in und um Friedrichshafen.
Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen; ISBN: 3-86136-099-3; 26,80 Euro

Text: Rebecca Koellner

125 Jahre alter Wein

125 Jahre alter Wein

(D-Konstanz/Meersburg) 125 Jahre Rebsorte Müller-Thurgau – Hoch soll sie leben! Die Rebsorte feiert in diesem Jahr Geburtstag. Ausgesprochen beliebt ist sie im Süden von Deutschland und da besonders in Württemberg und in der Pfalz: Die überaus populäre Re

Zunächst eine Quizfrage: Wie viele Rebsorten sind Ihnen bekannt? Fünf, zehn oder fünfzehn? Wenn Sie fünfzehn aufzählen können, dann sind Sie schon richtig gut – zunächst. Der Stolz mag von kurzer Dauer sein, denn für die Weinproduktion sind rund 2.500 Rebsorten zugelassen. Seien Sie nicht enttäuscht, die meisten Rebsorten führen ein Schattendasein. Chardonnay, Riesling, Grau- und Weißburgunder auf der Weißweinseite und Cabernet-Sauvignon, Merlot, Spätburgunder auf der Rotweinseite spielen bei den internationalen Rebsorten nun mal die erste Geige. Eine Sorte, die im Ausland nicht ganz so bekannt ist wie hierzulande, dafür aber in Baden-Württemberg verehrt wird wie keine zweite – sie ist quasi das Abbild von Bacchus in seiner ganzen Fülle – ist die Rebsorte Müller-Thurgau. Man kennt sie fast ausschließlich als süffigen Alltagswein, sei es für ein Viertele im schwäbischen Römerglas oder als Schorle. Die Rebsorte wurde bei so Manchem lange Zeit abschätzig behandelt. Und ein kleines Zugeständnis gilt es zu machen: Sie hat einfach „von Haus aus” nicht soviel Potenzial zur Weltklasse wie beispielsweise der Chardonnay. Trotzdem: Sie verdient Respekt, denn die Rebsorte hat viele gute und gewünschte Eigenschaften und kann durchaus, bei entsprechender Behandlung, sehr gute Weine hervorbringen. Eine ihrer guten Eigenschaften ist: Sie stammt vom Bodensee. Im Jahr 1882 kreuzte der Schweizer Rebforscher Hermann Müller aus Tägerwilen die Rebsorten Riesling und Madeleine royale. Lange Zeit glaubte man, es handele sich um eine Züchtung zwischen Riesling und Silvaner, daher der andere Namen für die Sorte: Rivaner. Bei soviel Heimatgefühlen bietet es sich geradezu an, einen Wettbewerb zu Ehren dieser Bodensee-Rebsorte zu veranstalten. So vergibt der Verein BodenseeWein in diesem Jahr bereits zum dritten Mal den Internationalen Müller-Thurgau-Preis. Im Rahmen einer Blindverkostung bewertet eine unabhängige Jury, bestehend aus Önologen, Fachjournalisten, Sommeliers, Winzern und Weinfachhändlern vier Kategorien von Müller-Thurgau-Weinen am 11. Juni 2007 in Hagnau. Die Sieger werden am 3. Juli 2007 im Spiegelsaal des Neuen Schlosses zu Meersburg geehrt. Trotz soviel Ehrung und Respekt musste der populäre Müller-Thurgau seine Führungsposition in den 90er Jahren an den noblen Riesling abgeben. Doch Müller-Thurgau ist mit 42.000 Hektar Anbaufläche weltweit die erfolgreichste Neuzüchtung. Das verdankt sie unter anderem ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und ihrer Zugänglichkeit, auch für Nichtweinkenner. Zudem stellt die Müller-Thurgau-Rebe keine großen Ansprüche bezüglich des Standorts und gilt als ertragssicher. Die unkomplizierten Weine sind geschmacklich leicht zugänglich. Meist sind es jugendliche, leichte und frische Weine für jeden Tag, deren Bouquet auch oft an Muskataromen erinnern. Müller-Thurgau ist – von Ausnahmen abgesehen – kein lagerfähiger Wein und schmeckt in den ersten zwei, drei Jahren nach der Ernte am besten. Am See wachsen ein paar schöne Exemplare: Hohentwieler Olgaberg Müller-Thurgau trocken 2006, Staatsweingut Meersburg. Bei der diesjährigen Weißwein-Verkostung auf der ProWein, der größten internationalen Weinmesse Deutschlands, sorgte er für Furore und Bewunderung. Oder das „Bürgertröpfle” der Spitalkellerei Konstanz; fürstlich im Geschmack und bürgerlich beim Preis (4,40 Euro pro Liter). Übrigens: Müller-Thurgau passt gut zu Spargelgerichten.

www.staatsweingut-meersburg.de, www.spitalkellerei-konstanz.de

Text: Rebecca Koellner