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Story/Thema Februar 2008
„Und ewig lockt …“ – Italien am See
„Der Italiener um’s Eck“ gehört auch diesseits der Alpen schon längst ins Stadt- und Ortsbild wie Feuerwehrhaus und Kirchturm. Pizza und Pasta sind wie Vitello Tonnato und Scaloppine allgemeines Kulturgut. Aber wer erinnert sich noch an den Beginn der „italienischen Welle“?
Der erste Angriff der damals so genannten italienischen Gastarbeiter insbesondere auf die deutsche Hausmannkost fiel bereits in die 50er Jahre. Dabei ging es den Zuwanderern aus dem Süden anfangs sicher noch hauptsächlich darum, das Heimweh nach dem Mezzogiorno durch vertraute Gerichte etwas zu mildern. Die südländische „Armenküche“ mit „Nudeln und Pizza“ hatte es zunächst ohnehin schwer, sich gegen die hiesige Nachkriegs-Fresswelle zu durchzusetzen – aber das sollte sich bald ändern. Denn spätestens, als immer mehr Deutsche ihren Sommerurlaub am „Teutonengrill“ verbrachten, dort das schweißtreibende Aufrollen der Spaghetti im Teller (oder einfacher mit Gabel und Löffel) erlernten und mit ihrer neuen Fertigkeit freudestrahlend zu Hause auf den Putz klopfen konnten, war die Pasta hierzulande salonfähig geworden. Die Pizzerias sprossen damals geradezu aus dem Boden. Dann dauerte es wieder eine geraume Zeit, bis beim „Italiener“ etwas mehr von der Gemüse-, Antipasti-, Fischvielfalt aufgetischt wurde, wie wir sie heute kennen. Auch diesmal hatten die deutschen Touristen den Ausschlag gegeben: Die hatten sich in den italienischen Trattorias und Ristoranti in die mehrgängigen Menüs verliebt und erwarteten Gleiches nun auch zuhause. Aus dem „Italiener“ wurde mancherorts der „Nobelitaliener“. Wie auch immer: Rund 20 000 italienische Restaurants gibt es inzwischen bundesweit. In der Schweiz liegt die Dichte eher noch höher. Und dass es immer mehr werden, liegt einfach daran, dass die italienische Küche gleichermaßen schmackhaft wie gesund und daher sehr begehrt ist. Um zu gefallen, muss sie allerdings gar nicht „nobel“ daherkommen: Man bringt es locker fertig, aus zwei bis drei einfachen Zutaten etwas Köstliches zu zaubern. Gute Nudeln, Sauce aus frischen Tomaten, Olivenöl, Zwiebel, vielleicht eine Sardelle und etwas Parmesan darüber – und schon ist ein leckeres Gericht fertig. Unter der Bedingung allerdings, dass die Qualität stimmt: Mit wässrigen Tomaten kommen Feinschmecker da nicht weit. Pasta ist nach wie vor für viele der Inbegriff der italienischen Küche. Tatsächlich gehört sie zum täglichen Leben der Italiener: Kein Tag ohne mindestens ein Pasta-Gericht, fast kein italienisches Menü ohne eine der unzähligen Pasta-Variationen. Schaut man sich in den Kochtöpfen des Landes um, gibt es aber sehr viel mehr zu entdecken. Unzählige Risottos, phantasievolle Gemüsesuppen, Polentavariationen und eine ganze Palette voll leichter Fleisch- und Fischspezialitäten. Jede Region hat ihre eigenen Nuancen: Von der trüffelgespickten piemontesischen Gourmetküche bis zu den arabisch anmutenden Gerichten Siziliens. Die Mailänder schwören auf Risotto und Minestra, in Ligurien liebt man Pesto und Ravioli und die Neapolitaner können ohne ihre Pizzen und Tomatengerichte nicht leben.
In der Ernährungswissenschaft genießt die italienische Küche ein gutes Image: Sie gilt als eine der gesündesten und natürlichsten Landesküchen. Denn sie bietet wenig Fett, mäßig Proteine, dafür aber reichlich Vitamine und Mineralien. Die meisten Pasta-Variationen sind zudem vegetarisch. Die Grundlagen der mediterranen Küche alla Italia sind frische Gemüse und Kräuter, Getreideprodukte und Fisch. Fleisch wird nur in geringeren Mengen verzehrt. Italiener legen großen Wert auf Frische und Qualität der Zutaten, die sie am liebsten der Jahreszeit entsprechend aus der Region beziehen. Als Fett wird vorwiegend Olivenöl verwendet, vorzugsweise kalt gepresst und unraffiniert. Dass Italiener seltener an Zivilisationskrankheiten leiden, haben sie unter anderem ihrer ursprünglichen Küche und deren Abwechslungsreichtum und sicher auch ihrer Fähigkeit zum Genießen und ihrer Lebensfreude zu verdanken. Wie man weiß, spielt das Essen bei den Italienern eine zentrale Rolle: Das gehört zu den schönen Dingen, die sie uns beigebracht haben. Auch in „ganz normalen“ Haushalten wird es in mehreren Gängen serviert. Erst Antipasti und Salat, dann ein Pasta- oder Suppengang, schließlich Gemüse, Fleisch oder Fisch und zum Schluss der Nachtisch. Das Gemüse kommt nicht als Beilage auf den Tisch, sondern wird als eigenständiges Gericht serviert: zum Beispiel frische grüne Bohnen mit Olivenöl und Zitrone oder eine Platte mit knackig gedämpftem Blumenkohl, angemacht mit gerösteten Semmelbröseln und Sardellen. Der Nachtisch besteht in der Regel aus frischem Obst, manchmal aus Käse. Ein Espresso bildet den krönenden Abschluss eines guten Menüs. Wichtig: sich beim essen Zeit lassen, angenehme Unterhaltungen führen, genießen.
Rund um den See gibt es massenweise „Italiener um’s Eck“. Sie fühlen sich hier besonders wohl – wegen der leicht mediterran angehauchten Atmosphäre. Und wenn man lange genug sucht, finden sich auch sprachliche Verwandtschaften. Die Spätzle beispielsweise stammen vom italienischen Wort „spezzettare“ ab, was nichts anderes heißt als: zerstückeln …
Michele Fiore (40), Il Postino, Radolfzell, kam mit 11 Jahren aus Sizilien nach Konstanz. Sein Vater und sein Onkel haben dort das „La Grotta“ an der Laube – sie waren schon in Italien Gastronomen. Fiore erzählt: „Anfangs kamen viele Italiener mit nichts als einem Koffer voller Hoffnung nach Deutschland und zogen dann immer mehr Freunde und Verwandte nach. So kommt es, dass die Bewohner mancher kleinen Orte fast komplett nach Deutschland ausgewandert sind. In Kalabrien beispielsweise gibt es ein Dorf, da sieht man zu bestimmten Zeiten lauter Autos mit Konstanzer Nummernschildern: Die leben alle in Singen und verbringen ihren Urlaub dort.“ Das Leben im „kühlen Norden“ ist für Michele Fiore in Ordnung. „Klar, zum Urlaub machen oder wenn man finanziell unabhängig ist, ist Sizilien schön. Aber es ist schwierig, dort eine Familie zu ernähren.“ Die italienische Küche, davon ist er überzeugt, sei allerdings nicht wirklich unverfälscht in Deutschland praktizierbar. „Die Produkte sind anders, das Handwerk ist anders.“ Zudem nehme man sich in Italien prinzipiell mehr Zeit: Zur Zubereitung des Essens wie zum Essen selbst. „Hier muss alles schneller gehen.“
Pino Arena (39), Arena Überlingen, Riva Sipplingen, Scala Friedrichshafen, Walfisch Ravensburg, ist ebenfalls aus Sizilien an den See übergewechselt – allerdings war er da bereits 20 Jahre alt. Er hat hier die Erfahrung gemacht, dass die Gäste hier mehr von der Gastronomie verlangen als in Italien. „Vierzehn, fünfzehn Stunden am Tag Essen anbieten – das ist in Italien nicht üblich.“ Diese Dauerpräsenz werde dennoch nicht unbedingt honoriert. Was Pino Arena an der hiesigen Gastroszene nicht gefällt, ist, dass „jeder sein eigenes Ding macht. Es gibt keinen Zusammenhalt.“ Dennoch ist er unterm Strich zufrieden mit dem Leben und Arbeiten am See.
Donato Gianfreda (61), Il Pescatore, Rustica, Tavola Calda, alle Konstanz, ist einer der ältesten “Italiener in Konstanz. 1979 kam er aus dem Süden Italiens und fing mit dem Rustica an. „Vor 30 Jahren haben sie hier nicht mal Nudeln gekannt“, lacht er. Seit gut zwei Jahren bietet er im Pescatore gehobene italienische Gastronomie. Seine Beobachtung: „Es ist heute ziemlich schwierig, mit italienischer Küche zu bestehen. Überall gibt es Lokale mit italienischen Namen und angeblich italienischer Küche, die in Wirklichkeit überhaupt nicht italienisch ist. Und die Inhaber sind alles Mögliche, aber keine Italiener. Unter der italienischen Flagge wird hier oft schlechte Qualität geboten, und viele Gäste bekommen ein falsches Bild von der italienischen Küche.“ Grund zur Klage sind für Donato Gianfreda auch die stetig steigenden Unkosten, die eine gute Küche immer unerschwinglicher werden lassen. Dennoch: Er setzt auf die erstklassigen Produkte und die unverfälschte Küche seines Heimatlandes. „Qualität kostet eben etwas mehr.“
Giuseppe Tedesco (51), La Taverna, Kreuzlingen, kam 1964 als Kind aus dem süditalienischen Bari nach Kreuzlingen. Er berichtet über ähnliche Erfahrungen wie sein Konstanzer Kollege: Viele Lokalbetreiber aus aller Herren Länder bringen unter italienischen Namen und in Pizzerias schlechte Produkte an den Gast. Das verfälsche das Bild von der italienischen Küche. Er selbst bemüht sich, möglichst authentisch italienisch zu kochen. Mit selbstgemachten Nudeln, Pizza aus dem Holzofen, frischen Produkten und dergleichen. Nach Italien zurückgehen? Kann sich Giuseppe Tedesco nicht vorstellen. Zumindest nicht dauerhaft. „Unser Leben ist hier“, sagt er bestimmt.
Text: Claudia Antes-Barisch


