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Gastro-Test Oktober 2010

Neue Blumenau

(CH – Lömmenschwil) Die für kulinarische Insider durchaus bekannte Adresse liegt auf halbem Wege von Amriswil oder Romanshorn nach St. Gallen. Nachdem das romantische Haus 2008 ein Facelifting bekam und Kräutermagier Thuri Maag kurz darauf andere Wege ging, brauchte die Küchencrew ein neues Gesicht. Als der ehemalige Sous-Chef von Andreas Caminada vom Schloss Schauenstein seinen Hut in den Ring warf und das Personal seine Gerichte probierte, zögerte man keine Sekunde …

Die Vita von Nenad Mlinarevic liest sich wie ein „Who’s Who“ der internationalen Kochszene. Da mag die ketzerische Frage erlaubt sein, was für einen Stil der frischgebackene Küchenchef, der fast nur in Restaurants gekocht hat, die dem Michelin-Guide zwei Sterne wert sind, an den Tag legen wird. Die Speisekarte liefert nicht wie gewohnt blumige Beschreibungen, sondern kleingeschriebenes Stakkato, das das Hauptthema des Ganges und seine Variationen angibt: „entenduett karotte / orange / chicoré, schwazer kabeljau spinat / stampfkartoffel / eigelbpraline, zander fenchel / peperoni / chorizo, rindsfilet kürbis / griesknödel / ochsenschwanz“. Auch wenn unsere Geschmacksknospen im ersten Moment von seiner „snack collection“, deren Einzelheiten eine Textseite sprengen würden, ein wenig überfordert waren, war das Menü einfach perfekt bis genial. Wir folgen dem Rhythmus der Karte: Der erste Gang, bestes Stück von der Ente mit viel Eigengeschmack, Rillette vom Entenklein, Karotten-Orangen-Püree und Chicoree-Röschen, ist High End-Kulinarik, gepaart mit den besten Erinnerungen an Großmutters Küche. Beim schwarzen Kabeljau empfiehlt der Chef de Restaurant und Sommelier Steffen Wiedermann etwas von allen Komponenten (Fisch, Spinat und Ei) gleichzeitig auf die Gabel zu nehmen und sich auf der Zunge zergehen zu lassen – einfach, schlicht und genial! Der Zander mit Kürbispüree mit dezentem Paprikageschmack und Chorizo-Stückchen, den uns Mlinarevic als nächsten Gang präsentiert, ist ein richtiges Power-Stück und mit Stefan Marquards legendärem Zander mit Blutwurst vergleichbar. Das Rindsfilet ist zum Hinschmeißen gut, der Jus perfekt, der superzarte Griesknödel ist mit duftendem Ochsenschwanzragout gefüllt. Von der exzellenten Weinkarte haben uns der Sauvignon 2008 von Irene Grünfelder (Graubünden) und der Anfitheatro 2005 von Vecchie Terre Montefili sehr, sehr gut gefallen. Das Menü bekommt man auch mit passender Weinbegleitung, die wir bestimmt das nächste Mal goutieren werden. Von den Tagesempfehlungen schmeckten uns die „schmorbratenravioli salbeischaum / nussbutter“ ausgesprochen gut, und von der äußerst gekonnten Komposition „lammrückenfilet spinatcanneloni / zwiebeln / pilze“ schwärmen wir noch immer. Frisch, fruchtig, intensiv geben sich die Aromen des Dessertpotpourris „mango cheesecake / meringues / zitronengras“, von großer Sensibilität und Fingerspitzengefühl zeugt die Variation von „aprikose vanille / kondensmilch / holunder“. Allesamt ein Wunder an Ausgewogenheit und Kontrast … Nach einem solchen Bombardement der Sinne kann man einfach nur dasitzen und andächtig schweigen – bis der Espresso kommt, zu dem kleine Köstlichkeiten gereicht werden, die einen buchstäblich zum Lachen bringen können. Unbedingt probieren!
Fazit: Der Koch, dem die Weihen der einschlägigen Gourmetführer gewiss sind, und der sachkundige Sommelier machen für uns die „Neue Blumenau“ mindestens zur Entdeckung des Jahres.

Neue Blumenau, Romanshornerstrasse 2, CH-9308 Lömmenschwil, Tel. +41 (0)71 298 35 70, , www.neueblumenau.ch
Di–Fr ab 11:30 und ab 18:30 Uhr, Sa ab 18:30 Uhr, Ruhetage So, Mo
Hauptgänge 34–54 SFr, Menü (3–6 Gänge) 99–145 SFr, mit Wein 145-199 SFr

Text: Gert Höcherl

Restaurant und Eventhaus „Akademie Amtzell“

(D – Amtzell-Geiselharz) Über die Akademie in Amtzell hört man Unterschiedliches: modern, geniale und sehr kreative Küche, exklusiv, teuer. Beste Voraussetzungen also für einen interessanten Abend.

Bereits von außen beeindruckt sie mit einem riesigen quaderförmigen Bau mit auffälliger Glasfront und einer schön gestalteten Terrasse an einem kleinen Teich. Das stilvolle Interieur, bei dem klare Formen und dunkle Farben dominieren, mag höchstens auf den ersten Blick etwas kühl wirken, denn die dezente Beleuchtung sorgt für eine angenehme Atmosphäre. Im oberen Bereich befindet sich eine elegante Lounge. Neben der Treppe sind Stufen angebracht, die bei diversen Events wie der heutigen „Spanischen Nacht“ mit Live-Auftritten gerne als Sitzgelegenheit genutzt werden. Ein Kellner empfängt uns mit einem „Gruß vom Haus“ – knuspriges Ciabatta mit hausgemachter würziger Kräuterbutter – der Lust auf mehr macht. Die Küche, in der nur frische Zutaten zum Einsatz kommen, lässt sich in keine Schublade stecken: crossover, asia fusion, experimentell, regional und auf jeden Fall sehr kreativ. Die monatlich wechselnde Karte bedient experimentierfreudige sowie klassische Geschmäcker und wird durch Wochenspecials und Tapas ergänzt. Meine Vorspeise erfreut Auge und Gaumen: Gewürzmelonenstücke, Scampikroketten, hausgemachter Ibéricoschinken und ein Schälchen mit Aioli liefern sich in puncto Raffinesse und Geschmack einen regelrechten Wettstreit. Meine Favoriten sind die quadratischen Gewürzmelonenstücke in einer würzigen und perfekt abgeschmeckten Marinade sowie die Scampikroketten, die schon wegen ihrer ungewöhnlichen Zubereitung überzeugen. Nach dieser Ouvertüre sind die Erwartungen an den Hauptgang hoch. Auf einem cross gebratenen Filet vom Adlerfisch auf Petersilienwurzelpurée mit Vanillejus thront eine pochierte Ravioli von der „fines de claire“. Es ist eine sehr phantasievolle Kreation, die perfekt harmoniert, aber keineswegs überdimensioniert ist. Der in optischer und kulinarischer Hinsicht krönende Abschluss ist eine „geeiste Schwarzwälder Kirschtarte“, die zart auf der Zunge schmilzt und mit ihrer fruchtigen Kirschsoße einfach perfekt ist. Kein Wunder, dass sich die Küchenchefs Robert Heinzelmann mit 15 und Simon Restle mit 13 Gault Millau-Punkten bereits im „Rosmarin“ in Bodman einen Namen gemacht haben. Und Qualität hat nun einmal ihren Preis. Ein Highlight ist auch die ausgezeichnete Auswahl an edlen Tropfen, manche stammen von den besten Weingütern der Welt. Warum sich das Lokal ausgerechnet in einem Gewerbegebiet befindet? Die Akademie gehört – damit erschließt sich auch der Name – zur angrenzenden Firma „fpt robotik“ und entstand im Zuge einer Standorterweiterung im Jahre 2009. Primär war sie als Schulungszentrum, für Unternehmenskunden und zur Mitarbeiterbewirtung gedacht, hat sich aber als öffentliches Restaurant schnell zu einem Geheimtipp entwickelt. Fazit: Die Akademie ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich und überzeugt sowohl mit ihrer exzellenten Küche, ihrem freundlichen Service, als auch ihrem Ambiente.

Akademie Amtzell, Restaurant und Eventhaus
Schattbucher Straße 10
88279 Amtzell
Tel. +49 (07520) 95 37 88, Fax: +49 (07520) 95 37 86
www.akademie-amtzell.de,

Öffnungszeiten:
Di – Fr und So 11:30 – 14:00 Uhr, Di – So ab 18:00 Uhr, warme Küche bis 22:00 Uhr,
Montag Ruhetag
Hauptgerichte ab 16 Euro, Menüs ab 35 Euro

Text: Bettina Haller